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Globale Lieferketten im Umbruch – Kommt es zu einer Regionalisierung?

Globale Lieferketten im Umbruch – Kommt es zu einer Regionalisierung?

 

Corona als Weckruf

Seit mehr als einem Jahr werden die eng verzahnten und aufeinander abgestimmten globalen Lieferketten stark durch Corona beeinträchtigt. Viele Unternehmen bekommen die Folgen der globalen Arbeitsteilung zu spüren. Engpässe in der Beschaffung, Lieferverzögerungen und reduzierte Transportkapazitäten führen vielerorts zu Unterbrechungen der Produktion sowie zu höheren Kosten. Die Elektronik- und Textilindustrie sowie der Anlagen- und Maschinenbau beziehen ihre Rohstoffe in Form von Halbfertigwaren überwiegend aus Asien.

Experten sind sich einig, dass Lieferketten zukünftig häufiger durch diverse Krisen beeinträchtigt werden. Die jüngste Blockade des Suezkanals, der wichtigsten Handelsroute zwischen Asien und Europa, untermauert diese Einschätzung. Cyberattacken, Strafzölle oder Naturkatastrophen sind weitere Ereignisse, mit denen Unternehmen vermehrt rechnen müssen. Für viele stellt sich daher die Frage, wie sie ihre Supply Chain krisensicherer gestalten können.  

 

Regionalisierung gewinnt an Bedeutung

Ein in den letzten Monaten vieldiskutierter Ansatz ist die Regionalisierung. Das Konzept ist zwar schon seit mehreren Jahren im Gespräch, Corona hat den Fokus darauf deutlich verstärkt. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Seitens der Gesetzgeber, Konsumenten sowie anderer Stakeholder wird der Druck bezüglich Nachhaltigkeit und Transparenz in Supply Chains zunehmend erhöht. Nachlässigkeiten beim Klima- und Umweltschutz, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen oder unethische Geschäftsentscheidungen sollen durch das Lieferkettengesetz bald sichtbar werden. Darüber hinaus wecken ESG-Fonds bei Anlegern vermehrt Interesse. Wer offenkundig ökologische und soziale Aspekte außen vorlässt, riskiert Sanktionen und einen enormen Imageschaden. Das kann den Fortbestand von Unternehmen grundlegend gefährden. Regionalität in der Beschaffung und Produktion verkürzt die notwendigen Transportwege und Lieferketten. Somit können Nachhaltigkeit und Transparenz besser gewährleistet werden.

Ein weiteres Argument für mehr Regionalisierung ist die generell gestiegene Volatilität der Nachfrage. Durch kürzere Vorlaufzeiten ermöglichen regionale Lieferquellen eine schnellere Reaktionsfähigkeit auf etwaige Schwankungen und geringere Bestände. Die teilweise wirtschaftliche Entkoppelung der globalen Handelswelt ist ein zusätzlicher, wesentlicher Aspekt. Durch Regionalisierung entstehen auch neue Arbeitsplätze in der Region, was den Wirtschaftsstandort nachhaltig stärkt.

 

Reshoring und Nearshoring

Während der ersten Monate der Pandemie herrschte in ganz Europa ein extremer Mangel an medizinischer Schutzbekleidung und Atemschutzmasken. Der Großteil systemrelevanter Produkte wird aus Kostengründen in Asien gefertigt und konnte aufgrund von Unterbrechungen nicht geliefert werden.

Als Konsequenz wurden in Österreich und Europa entsprechende Produktionskapazitäten geschaffen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Ein weiteres Beispiel für Reshoring ist die Aufrechterhaltung der Novartis Penicillin-Produktionsstätte in Tirol. Trotz höherer Herstellungskosten wird das Fortbestehen der Produktion im Ursprungsland durch staatliche sowie europäische Subventionen gesichert.

Doch auch in anderen Branchen, wie beispielsweise im Anlagen- und Maschinenbau, forcieren Unternehmen die Schaffung regionaler Netzwerke. Alternative Beschaffungsquellen werden durch sogenanntes Nearshoring, dem gezielten Aufbau von Lieferquellen in geographischer Nähe geschaffen.

 

Supply Chain goes „glokal“

Regionale Quellen in Produktion und Beschaffung bieten zahlreiche Vorteile. Die Kosten für eine Rückverlagerung der kompletten Produktion sind jedoch oftmals nicht zu stemmen. Abgesehen von der finanziellen Perspektive, mangelt es beispielsweise bei Elektronikgütern an Produktionskapazitäten in Europa. Deren Aufbau ist ein langfristiger Prozess. Bei einer kompletten Regionalisierung besteht zudem eine vollständige Abhängigkeit von dieser einen Region und damit die Gefahr eines Stillstands bei einem Ausfall.

Unternehmen sollten daher eine "Glokalisierung" anstreben und die Vorteile von Regionalisierung und Globalisierung miteinander vereinen.  Das Supply Chain Netzwerk wird an den notwendigen Stellen durch zusätzliche Optionen diversifiziert. Die Vorteile digitaler Technologien sind dabei nicht von der Hand zu weisen. Sie schaffen eine erhöhte Transparenz in der Lieferkette, ermöglichen ein fundiertes Supply Chain Risk Management und helfen bei der Einhaltung hoher Qualitäts- und Lieferstandards. Voraussetzung für die erfolgreiche Implementierung neuer Technologien ist die Schaffung von Expertise in den eigenen Reihen. Der Aufbau von einer internen Supply Chain Abteilung und die Sensibilisierung der Mitarbeiter, zum Beispiel durch Schulungen, liefern die notwendige Unterstützung.

In einer digitalisierten Lieferkette kann durch ein Frühwarnsystem bei Lieferverzögerungen oder -engpässen aus Übersee zeitnah gegengesteuert werden. Das rasche Umschwenken auf alternative Beschaffungsquellen aus der Region ermöglicht die Aufrechterhaltung der Geschäftsprozesse. Somit können Unternehmen ihr international und regional diversifiziertes Lieferanten- und Produktionsnetz bestmöglich nutzen. Transparenz, Flexibilität und Kosten werden optimal ausbalanciert, um eine resiliente Supply Chain zu schaffen.



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